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Der Rat der Werte

"Sie stirbt! Und wir können nichts für sie tun!"
Im Rat der Werte herrscht Unruhe. Alle reden durcheinander, manche stoßen Laute des Entsetzens aus, entfacht von der grausamen Neuigkeit, die durch die Eloquenz soeben ausgesprochen wurde. Die Ratsvorsitzenden Zucht und Ordnung greifen ein: "Ruhe! Ruhe bitte!"


"Na, das kann ja heiter werden, wird bestimmt ´ne längere Sache, als hätte ich nichts anderes zu tun", beklagt sich die Ungeduld im Block der Opposition und rutscht nervös auf ihrem Stuhl hin und her.

"Die Gerechtigkeit liegt im Sterben? Mein Gott, ich hatte sie ganz aus den Augen verloren. Ich wollte mich die ganze Zeit bei ihr gemeldet haben, aber …", die Freundschaft ist zutiefst erschüttert. Auf dem Platz neben ihr sitzt die Empathie und klopft ihr tröstend auf den Rücken. "Mach dir keine Vorwürfe, sonst muss ich weinen", sagt sie. "Sie stirbt," wiederholt die Ehrlichkeit, "Wenn ich mir dich so betrachte, siehst du aber auch schon ganz schön mitgenommen aus", sagt sie zum Durchhaltevermögen.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schlimm ist. Es wird bestimmt wieder alles gut", mischt sich die Hoffnung nun ein. "Das wissen wir nicht", sagt die Vernunft. "Wir brauchen mehr Informationen."

"Seid doch froh, sie konnte von Euch doch sowieso keinen leiden und wollte nur Eure Aufgaben auch noch an sich reißen!", ruft die Lüge aus der Opposition hinüber. "Genau, und das mit weniger Aufwand für die doppelte Summe!", stimmt die Zwietracht mit ein. "Das kann ich mir nicht vorstellen, nicht die Gerechtigkeit", erwidert das Vertrauen.

Zucht und Ordnung befehlen in einem Ton: "Bringt sie hinein!" Die großen Flügeltüren zum Ratssaal schieben sich ächzend auf. Gestützt von Hilfsbereitschaft und Solidarität humpelt die Gerechtigkeit mühsam in die Mitte des Saals. Eine kleine gebeugte Gestalt, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann und fortwährend hustet. "Oh mein Gott!", entfährt es dem Mitleid und wird sogleich von der Liebe umarmt.

"Das beeindruckt mich wenig", winkt die Ignoranz ab und schaut wieder auf ihr Smartphone. "Mich auch nicht", pflichtet der Egoismus bei. Er wendet sich an die Einschüchterung: "Wann gibt es endlich was zu essen?"

"Woher soll ich das denn wissen, und wenn du mich noch einmal was fragst, dann setzt es was!", sagt diese nur. "Seid endlich still und rutscht mal rüber, ich kann gar nichts sehen", beschwert sich die Neugier.

Alle schauen auf die zitternde Gerechtigkeit. Zucht und Ordnung ergreifen wieder das Wort: "Wenn die Gerechtigkeit stirbt, dann bricht der ganze Rat zusammen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als die große Weisheit zu befragen, was zu tun ist – auch wenn die Weisheit nicht gerne spricht." Durch die offene Flügeltür tritt nun die große Weisheit ein, im einfachen Gewand gekleidet und mit gleichmütigem Gesichtsausdruck. Die Ehrfurcht wirft sich sogleich zu Boden: "`Tschuldigung, ich kann das nicht steuern", sagt sie zur Unabhängigkeit, die kopfschüttelnd von oben auf die Ehrfurcht herab schaut.

Die große Weisheit blickt sich schweigend um. Langsam verstummen alle im Rat der Werte. Es ist nur noch das keuchende Husten der Gerechtigkeit zu hören. Wortlos holt die Weisheit einen Projektor aus ihrem Gewand hervor und startet ihn. Er surrt leise vor sich hin, an der großen Wand gegenüber den Ratsvorsitzenden flackert es schwarz-weiß auf. Außer der Ignoranz starren alle wie gebannt auf die bewegten Bilder:

Ein wohlhabender Politiker erhält Standing Ovations, während ein armer Redenschreiber in seiner Wohnung frieren muss, weil er die Heizkosten nicht bezahlen kann. In einem Krankenhaus bekommt jemand ein neues Herz, während einige hundert Kilometer entfernt der zweite auf der Liste stirbt. Runde Kinderaugen in einem viel zu dünnen Gesichtchen können sich vor Hunger kaum aufhalten. In den USA erkrank ein 8-Jähriger mit Übergewicht an Diabetes. Nach und nach und in immer höherer Geschwindigkeit wechseln die Szenen sich zurück durch die Weltgeschichte. Kriege reißen Familien auseinander, Menschen werden wie Vieh in Gaskammern getrieben, Sklaven aufs Feld gepeitscht, Frauen wegen ihrer Heilkunst verbrannt.

"Warum zeigt sie uns das alles?", fragt die Skepsis. "Da! Da! Seht doch – da!", ruft die Aufmerksamkeit plötzlich auf. "Tatsächlich! Das gibt es doch nicht!" Die Freundschaft traut ihren Augen nicht. Und jetzt sehen es alle, denn der Projektor zoomt immer weiter in die Bilder hinein: Auf allen ist sie im Hintergrund zu sehen, am Rand oder ganz schwach auch nur als Schatten – die Gerechtigkeit. Sie war immer dabei. Eine kleine gebeugte Gestalt, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann und fortwährend hustet. Manchmal scheint sie zu Kräften zu kommen, der Husten setzt für einige Sekunden aus. Da wird jemand angemessen für seine Arbeit bezahlt, Diktatoren werden gestürzt, Sklaven befreit, vereinzelt überleben Menschen die Schrecken des Krieges. Aber immer wieder sackt die Gerechtigkeit entkräftet in sich zusammen.

Die Vernunft sagt mehr zu sich selbst als zu den anderen: "Die Gerechtigkeit ist nicht erkrankt. Sie liegt nicht im Sterben – Sie war nie gesund. Das uns das nie aufgefallen war!"

"Ich hatte sie ganz aus den Augen verloren. Ich wollte mich schon längst bei ihr gemeldet haben", wiederholt die Freundschaft und sieht hinüber zur Empathie, der gerade dicke Tränen die Wangen hinunter kullern.

Die Weisheit schaltet den surrenden Projektor aus und packt ihn wieder ein. Für sie gibt es hier nichts mehr zu tun. Zucht und Ordnung besprechen sich kurz und verkünden dann: "Die Sitzung ist hiermit geschlossen."

Die Solidarität geleitet die kränkelnde Gerechtigkeit wieder hinaus. Die Hilfsbereitschaft geht Hand in Hand mit der Erwartungshaltung. Endlich stehen sie zu ihrer Zuneigung und haben sich erst vor kurzem vermählt. "Gut", denkt die Vernunft und nimmt ihre Tabletten ein. In letzter Zeit hatte sie wieder öfters Aussetzer. Später will sie noch mal mit der Freiheit darüber reden – die hat öfters mit Panik-Attacken zu tun. Die Liebe nimmt ihren Blindenstock auf und tastet sich vorsichtig ihren Weg hinaus.

So verlassen alle langsam den Saal. Nur der Zweifel. Der bleibt alleine zurück – und weiß nicht, ob er sich nun Sorgen machen muss oder nicht.


Titelbild erstellt mit canva

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