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Endometriose und Krebs

Als ich die Diagnose Endometriose erhielt, stellten sich mir auf einen Schlag tausende von Fragen. Warum diskutierte man meinen Fall im Rahmen eines "Tumor-Boards"? Tumor – ist das nicht Krebs? Und wenn es das nicht ist, kann es denn noch Krebs werden? Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede? Kann Endometriose auch tödlich sein?

 

Zunächst einmal ist zu sagen, dass der Begriff "Tumor" ein ganz allgemeiner Begriff für eine örtlich begrenzte Zunahme von Gewebe ist. Im weitesten Sinne ist schon eine entzündliche Schwellung ein Tumor. Im engeren Sinne verwendet man die Bezeichnung für das außer Kontrolle geratene Wachstum von körpereigenen Zellen.

Gutartige und bösartige Tumore

Es gibt gutartige (benigne) und bösartige (maligne) Tumore. Schaut man sich nun die Kriterien für beide Tumor-Kategorien an, stellt man schnell fest, dass die Endometriose nicht ganz eindeutig einzuordnen ist, auch wenn sie als gutartige Erkrankung gilt.

Gutartige Tumore wachsen eher langsam, vor allem wachsen sie nicht in anderes Gewebe hinein und bilden keine Tochtergeschwulste (Metastasen). Als weiteres Kriterium für einen benignen Tumor ist, dass der Betroffene nach der operativen Entfernung in der Regel geheilt ist. Beispiele für solche harmlosen Geschwülste sind etwa Darmpolypen oder Lipome (Wucherungen von Fettgewebe).

Was bedeutet "gutartig"?

Und da sitzt man mit seiner tief infiltrierenden Endometriose, die immer wieder kommt, in die Organe hineinwächst, Metastasen ausbilden kann und wie ein bösartiger Tumor durch mehrere Stadien der Blutgefäßneubildung geht (6). Vom Wachstum her wird die Endometriose in der Medizin durchaus mit bösartigen Tumoren verglichen.

 

Da stieß ich auf einen Newsletter der Stiftung Endometriose Forschung von 2011 und fand folgende Aussage:

"Allerdings unterscheidet sich die Endometriose von malignen Läsionen (Anm. von mir: Läsion = Verletzung, krankhafte Veränderung) entscheidend dadurch, dass es nicht zu katabolen Prozessen und extrem selten zu einem tödlichen Ausgang kommt." (4)

Katabole Prozesse? Nach der Befragung von Dr. Google:

Katabolismus bezeichnet man den Abbau von großen Nährstoffmolekülen (Zucker, Fette, Eiweiße). Dieser Abbau ist bei Krebsgeschwüren wohl vermehrt, vor allem in Fett- und Muskelgewebe (5). Oft kommt es bei Krebserkrankungen zu einer regelrechten Auszehrung des Körpers.

Das ist der wesentliche Unterschied. Daher ist Endometriose unterm Strich eine gutartige Erkrankung – allerdings gutartig im medizinischen Sinne von "benigne", nicht im Sinne von "Na, dann ist ja alles gut." Ich denke, da wird mir die ein oder andere Betroffene zustimmen.

Treibermutation? Krebs? - Interview mit Prof. Dr. Ulrich

Aber immer wieder tauchen Veröffentlichungen auf, die einen als Endometriosepatientin in Bezug auf Krebs verunsichern. Man hat etwa sogenannte Treibermutationen in Endometriose gefunden, die bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen. Da ich nach dem Lesen solcher Artikel meist genauso schlau bin wie vorher, habe ich Prof. Dr. Ulrich vom Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin interviewt (August 2017). Er ist Experte für gynäkologische Krebserkrankungen und Endometriose und ist in den deutschsprachigen Ländern federführend in der Forschung zum Zusammenhang zwischen Endometriose und Krebs.

 

Am Anfang unseres Gesprächs sagt Prof. Dr. Ulrich, dass die Entdeckung der Treibermutationen in der tiefinfiltrierenden Endometriose gar nichts Neues sei. Und dann stellt er klar: „JEDES Gewebe hat das Potential zu entarten“. So hätte natürlich auch Endometriosegewebe dieses Potential.

Und dann sagte er etwas sehr Einprägsames: „Bei anderen Geweben ist die Wahrscheinlichkeit viel größer. Die normale Gebärmutterschleimhaut beispielsweise hat ein wesentlich höheres Entartungsrisiko als die Endometriose“. Zum Vergleich: Im Jahr gäbe es in Deutschland etwa 11.000 Fälle an Gebärmutterschleimhautkrebs, und an Fällen, wo es auf Basis der Endometriose zu einer Krebserkrankung käme, wären es gerade mal 50-60.

(Wir müssen uns im Grunde mehr Gedanken um unser Krebsrisiko machen, weil wir eine Gebärmutter haben, und nicht, weil wir Endometriose haben. So hatte ich das noch nie betrachtet. Weiß nicht, ob ich das jetzt unbedingt besser finden soll ... )

Prof. Dr. Ulrich fügt hinzu, dass die Prognosen bei Krebs auf Basis einer Endometriose in der Regel sogar besser seien. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber Endometriose assoziierte Karzinome seien selten ausgeprägt. Frauen mit Endometriose und einem Ovarialkarzinom seien oft sogenannte „Langzeitüberleber“. Der ordinäre Ovarialkrebs ohne Endometriose sei meist viel schlimmer.

Ja, es stimme, die tiefinfiltrierende Endometriose zeige manche Eigenschaften von bösartigen Tumoren (Anmerkung: das Wachstumsverhalten beispielsweise mit Ausbildung eigener Blutgefäße wie bei einem Krebstumor). Aber man müsse ganz klar sagen: Man habe mit Endometriose nicht die Konsequenzen einer malignen Erkrankung. Und abschließend merkt Prof. Dr. Ulrich nochmal an: „Als Endometriosepatientin hat man kein höheres Krebsrisiko“.

Dieser Artikel ersetzt nicht den fachlichen Rat, z. B. durch einen Arzt.



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