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Wieso Schottland?

Schottland spielt eine große Rolle für meinen Heilungsweg. Ich habe einmal den Satz gelesen, Heilung sei nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern das Zurechtkommen mit ihr. Nun, dieser Mensch hatte wahrscheinlich noch nie langanhaltende Schmerzen gehabt. Ich persönlich interpretiere Heilung als Abwesenheit von zumindest den Schmerzen. Ein Mindestmaß an Wohlbefinden, damit wenigstens alltägliche Dinge funktionieren. Und vor allem Ganzwerden. Zugegeben, zweiterer Aspekt klingt etwas abstrakt. Um es verstehen zu können, muss ich sehr weit ausholen. Ich werde gleichzeitig versuchen, mich in diesem Artikel so kurz wie möglich zu fassen. Vielleicht erzähle ich die ganze Geschichte einmal an einem anderen Ort in einer anderen Form. Ich würde nichts davon erzählen, hätte ich nicht das Gefühl, es könnte auch für andere Betroffene wichtig sein.

Liebe auf den ersten Blick

Das erste Mal kam ich nach Schottland kurz nach meinem Abitur 1996 (Ja, so alt bin ich. In meiner Geschichte kommt tatsächlich oft „Neunzehnhundertxx“ vor). Eine Schulfreundin fragte mich eines Tages nach dem Sportunterricht, ob ich nicht Lust hätte, sie dorthin zu begleiten. So fuhren wir eines Tages im Sommer Neunzehnhundert96 😊 mit einem kleinen Mietwagen vom Flughafen Edinburgh zum Firth of Forth, um die Brücke Richtung Highlands zu überqueren. Mitten auf der Brücke traf es mich. Im Bauch das Gefühl wie auf einer Achterbahn. Ein Glücksgefühl vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck – und für alle, die sich mit dem Thema Trauma nicht auskennen, mag es seltsam klingen – aber ich hatte den Eindruck, zum ersten Mal hinter meine Augen zu treten und wirklich mal hinauszuschauen. Ich war zum ersten Mal „präsent“. Und da war dieser Gedanke: „Ich komme nach Hause“. Das mag jetzt nach dramatischer Übersteigerung klingen. Aber genauso war es für mich. Intensiv und existentiell einschneidend. Erklären konnte ich es lange noch nicht. Das sollte noch mehr als 20 Jahre dauern.

Hier waren wir nun, fuhren mehr als 1.000 Kilometer durchs Land. Meine Freundin war eine sehr gute Reisebegleitung. Sie war sehr belesen in schottischer Geschichte und erzählte mir auf der Tour von den Jakobiten, Bonnie Prince Charlie, den Highland Clearences, und machte die schottische Vergangenheit für mich lebendig.

Urvertrauen

Wir machten einen Farmhausurlaub. Selten wurde ich so herzlich und gastfreundlich behandelt wie hier. Normalerweise sehe ich überall „Säbelzahntiger“ – übrigens eines der vielen Symptome Komplexer Posttraumatischer Belastungsstörung, und das hat tatsächlich mit spezifischen Hirnstrukturen zu tun, aber ich schweife ab. In Schottland, vor allem in den Highlands, fühlte ich mich zum ersten Mal in Sicherheit. Ich erinnere mich, dass wir einmal auf einer Wiese am Ufer eines Lochs einschliefen. Dieses Vertrauen, in der Öffentlichkeit die Augen zu schließen, war sonst für mich undenkbar gewesen. Als wir aufwachten, starrten wir auf den Bauch einer Kuh, die über uns stand und graste. Neben uns veranstaltete eine chinesische Familie ein Barbeque und lachte uns zu. Dass ich mich an diese Dinge erinnere, zeigt, dass es mir sehr gut gehen musste. An gefühlte 80 Prozent meines Lebens kann ich mich tatsächlich nicht erinnern. Vor allem nicht an meine Kindheit und Jugendzeit. Ich weiß nichts mehr. Es gibt vereinzelt Bilder, sonst herrscht Dunkelheit. Ein anderes typisches Symptom von Trauma. Aber an Culloden Battlefield, Kilchurn Castle, die Falls of Dochart, den Apfelstrudel mit Vanilleeis, den wir jeden Abend aßen, dass Schlümpfe auf Englisch „The Smurfs“ heißen, erinnere ich mich sehr gut.

Nach unserer Reise stand für mich fest, dass ich wiederkommen würde. 3 Jahre später bewarb ich mich für ein Stipendium. Es gab ein Austauschprogramm an unserer Uni mit der University of St Andrews. Diese war mir überhaupt kein Begriff. Ich wollte einfach wieder nach Schottland. Entsprechend verlief das Bewerbungsgespräch. 100 Studenten hatten sich beworben. In 10er Gruppen wurden wir interviewt. Andere sagten, wie wichtig der Austausch für die Europäische Union sei, erzählten von ihrem Praktikum beim Bundestag oder dass sie schon an einer amerikanischen Uni waren. Ich finanzierte mein Studium derweil in einem Klamottengeschäft und als ich gefragt wurde, warum ich nach St Andrews wolle, schwärmte ich von der Landschaft und der Mentalität der Menschen. Ich war mehr als überrascht, als ich die Zusage bekam.

Das Jahr in St Andrews war das schönste in meinem Leben. Obwohl ich teilweise mehrere Jobs neben der Uni hatte und es wirklich hart war, so habe ich es auch genossen. Freunde Partys, Inspiration, Kreativität und vor allem viele Ausflüge in die Highlands. Aus diesem Jahr erinnere ich mich an viele Ereignisse.

Wo sind die Schmerzen?

Das für mich Erstaunlichste stellte ich nach etwa einem halben Jahr fest: Ich war 25 Jahre alt. Seit dem Alter von 15 litt ich während er Menstruation unter Übelkeit und solch starken Schmerzen, dass ich zwei Tage ans Bett gebunden war. Diverse Pillen und Schmerzmittel halfen nie. Und hier in Schottland – trotz Stress und suboptimaler Ernährung - waren die Symptome wie weggeblasen. Ich weiß noch, wie ich im Bad stand und dachte: Ich blute ja einfach nur! Es war für mich wie ein Wunder. Nebenher stellte ich fest, dass ich gar keinen Heuschnupfen hatte und auch auf Hausstaub nicht mehr empfindlich reagierte.

Ein halbes Jahr, nachdem ich in die Heimat zurückgekehrt war, hatten die Symptome wieder begonnen, stärker als je zuvor. Zwei Wochen nach meinem Uniabschluss 2004 fand ich mich auf der Intensivstation wieder. 6 Stunden OP, 4 Kilo entferntes Gewebe, 30 cm entfernter Darm. Die Endometriose hätte mich laut der Ärzte fast das Leben gekostet. Ab dann sollte ich fast 10 Jahre lang nicht mehr richtig auf die Beine kommen. Mehrere Not-OPs, eine wesentliche Verschlimmerung der Symptome, Depression und Insulinresistenz durch die Medikation und und und.

Der Traum von Schottland war gestorben. Ich konnte mir keinen Film, keine Dokumentation anschauen, ohne in Tränen auszubrechen. Outlander war die reinste Folter für mich. Eines Nachts hatte ich wie so oft einen Albtraum von der OP. Eine Ärztin in weißem Kittel kam auf mich zu und sagte: „Wenn du nicht nach Schottland gehst, wirst du nie wieder gesund.“ Schweißgebadet wachte ich auf und dachte: „Scheiße, was ist, wenn das stimmt?“. Ich bin nicht esoterisch veranlagt. Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass es eine Überzeugung aus meiner tiefsten Seele war.

Aber das Thema Schottland kam für mich nun mal nicht mehr in Frage. Aus mehreren Gründen. Ich hatte mein Leben anders eingerichtet. Ich war verheiratet und widmete mich mehr und mehr dem Schreiben. Zudem schreckte mich das britische Gesundheitssystem ab. Aus der Erfahrung heraus hatte ich den Eindruck mitgenommen, dass nur behandelt wird, was man mit Antibiotika oder Paracetamol wieder in den Griff bekommt. Ich dachte mir oft, in Schottland hätte ich meine Erkrankung wohl nicht überlebt. Ein paar Mal unternahm ich zwar schon Versuche, meinen Mann davon zu überzeugen, gemeinsam rüber zu gehen. Dabei blieb es aber auch. Und es war ja auch alles gut. Gleichzeitig war gar nichts gut: 10 Jahre nach meiner ersten großen OP ging es mir so schlecht wie nie. Man diagnostizierte meine Rezidive.

Ein Stein kommt ins Rollen

Ich saß bei der Chefärztin einer Frauenklinik, die sich auf Psychosomatische Gynäkologie spezialisiert hatte. Ich erzählte ihr meine Geschichte, unter anderem auch, dass ich in Schottland völlig frei von Symptomen war. Sie sagte mir darauf etwas, das in der Folge mein ganzes Leben ändern sollte: „Tun Sie mir einen Gefallen: Gehen Sie zu einem Psychologen und finden Sie heraus, warum Sie sich nur fern von Familie und Heimat gut fühlen konnten.“ Das war ein völlig neuer Denkansatz, eine neue Perspektive. Was hatte meine Familie damit zu tun?

Fortsetzung folgt …


Titelbild erstellt mit Canva, CC0 1.0