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Auswandern trotz, oder gerade wegen Endometriose

Das Leben ist nicht einfach – mit oder ohne Endometriose. Die Krankheit intensiviert jedoch Konflikte in allen Bereichen. Es ist so, als würde man mit seinen Schmerzen in einem riesengroßen Vergrößerungsglas sitzen, durch das man alles fühlt und die Dinge (neu) bewertet.

 

Das fängt damit an, dass man dazu gezwungen ist, seinen Körper genauer zu beobachten und kennenzulernen. Es geh weiter über die Psyche, die oft an der Krankheit abschleift. Das Ganze weitet sich auf die Partnerschaft aus, die die Endometriose aushalten muss. Freundschaften werden auf die Probe gestellt, man kommt letztendlich auf die Familie zurück und überlegt, was einem hier gut tut und nicht. Man ist Arbeitnehmerin mit begrenzter Leistungsfähigkeit, Reisende mit besonderen Bedürfnissen und Vereinsmitglied, das öfters ausfällt. Und man ist jemand, der seine Träume aufgegeben hat.

Eingemottete Träume

Mein Traum war es immer, nach Schottland auszuwandern. Mit der ersten OP hatte ich diesen Traum ganz schnell in der hinterste Ecke meiner Seele verstaut und habe mich jahrelang nicht getraut, in diese staubige Kiste zu schauen. Es war auch lange nicht nötig, denn ich hatte mein Leben anders eingerichtet und dachte, alles sei gut bis auf die Endometriose.

 

Kurz nach Veröffentlichung meines Buches stand ich vor der Entscheidung, ob ich mich noch einmal operieren lassen sollte. Ein Endospezialist untersuchte mich und sprach auf meine 5 cm große Endozyste am Eierstock an mit den Worten: „Bei Endometriom sagt man immer RAUSHOLEN!“. Dann erklärte er mir, wie er laparoskopisch unter den Rippenbogen reingehen könne, um nicht durch meine ganzen Verwachsungen schneiden zu müssen, und durch den ganzen Oberkörper runter zum Eierstock vordringen könne. Ich lehnte dankend ab ...

 

Ich dachte vor allem an meine letzte OP wegen Darmverschluss aufgrund der Verwachsungen. So sehr hatte ich körperlich noch nie gelitten. Ich hatte Momente, da betete ich zum Universum, mich bitte nicht mehr aufwachen zu lassen, als die Ärzte hektisch wurden und mich so schnell wie möglich in den OP beförderten. Es ist nicht nur die Krankheit. Es sind auch die Untersuchungen und Operationen, die an Körper und Seele nagen. Und jedes Mal dauert es länger, sich von einem Eingriff zu erholen, vor allem mental.

Den Traum aus der Kiste holen

Als ich dann vor der Situation stand, dass ich durch meine zerbrochene Beziehung nichts mehr zu verlieren hatte, war es für mich ganz klar: Ich lasse mich nicht mehr operieren. Stattdessen gehe ich nach Schottland und lebe endlich so, wie ich schon immer leben wollte, und wenn es nur für eine kurze Zeit sein und die Endo, die Verwachsungen oder sonst irgendeine Katastrope wieder zuschlagen wird. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich einigermaßen symptomfrei. Ich wollte diesen wertvollen Zustand einfach nicht durch eine weitere OP und eventuelle Folgen versauen. Ich glaube, wer wie ich mehrere Jahrzehnte unter Endometriosesymptomen gelitten hat, versteht meine Entscheidung für Qualität, nicht Quantität.

 

Ich war zwar schon über 40, aber die Kürze des Lebens stach das Lebensalter aus. Aufgrund der Endometriose hatte ich vieles nicht, keine Karriere, keine Besitztümer, keine Kinder. Das kann man schlimm finden, man kann aber auch die Perspektive ändern und es umbewerten, als absolute Freiheit. Mir war klar, dass ich diese Freiheit nutzen musste, um dem Leiden durch die Endometriose einen Sinn zu geben.

 

Die Zyste kann platzen, sie kann entarten, ein weiterer Darmverschluss kann kommen. Dann ist es eben so. Dann werde ich es so nehmen, wie es kommt. Ich habe es mit allen Konsequenzen akzeptiert. Doch was man mir, wenn es so weit ist, nicht mehr nehmen kann: Wenigstens für eine kurze Zeit war ich Arbeitnehmerin, Reisende und Mitglied im National Trust for Scotland 😊

 

Ich lebe in Schottland und mache Urlaub in Schottland. In diesem Moment sitze ich in einem Café an der Westküste, Sonnenlicht bricht sich an Wolken und taucht pittoreske Steinhäuser in goldenes Licht. In der Luft der salzige Duft des Meeres. Um mich herum der rollende Zungenschlag des schottischen Akzentes. Ich kriege das Lächeln nicht mehr aus meinem Herzen, auch wenn es über einem Bauch voller Verwachsungen schlägt.