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Endometriose und Migräne

Zugegeben - ich habe es den Ärzten nie wirklich leicht gemacht. Da komme ich daher und erzähle von Schwindel, Sehstörungen, Empfindungsstörungen und Wortfindungsstörungen, vor allem kurz vor der Periode – und das ganz ohne Kopfschmerzen. Das steht so nicht in den Lehrbüchern. Davon erzählt auch kein Pharmavertreter. Da gibt es nur eine logische Schlussfolgerung, die jemand mit wissenschaftlichem Studium gekrönt mit Doktortitel nach langer Universitätskarriere, die ja auf eigenständiges Denken vorbereiten soll - also auf das Schlussfolgern nach eingehender Betrachtung von Phänomenologie, Theorie und im besten Falle Erfahrung - treffen kann:

 

Das bildet sie sich ein!

 

Oder um es mit den Worten meines Neurologens zu sagen:

 

"Sie lesen zu viel".

 

Ach so. Deckel drauf - der Nächste bitte.

 

Es war die Biografie der englischen Schriftstellerin Hilary Mantel, Von Geist und Geistern (Taschenbücher), die mich auf den Trichter gebracht hatte. Mantel ist Endometriosepatientin. Und auch sie litt schon immer an Migräne ohne Kopfschmerz. Es hat Jahre gedauert, bis man das herausfand. Jahre, in denen sie wegen der Symptomatik unter anderem in die Psychiatrie gesteckt und mit starken Psychopharmaka vollgepumpt wurde, bis sie nicht mehr konnte.

Fallende Hormone

Ich vermute Wohltätigkeitszwecke, die meinen Körper dazu bewogen, letztendlich den Kopfschmerz mitzuentwickeln - wahrscheinlich aus Empathie mit den Ärzten. Es war ein HNO, der zum ersten Mal von Ärzteseite aus die Migräne mit ins Rennen brachte. Und dann hatte ich das unsagbare Glück, mal was "Handfestes" liefern zu können: Sehstörungen vom Feinsten. Die Hausärztin untersuchte auf Schlaganfall, was sie schnell ausschließen konnte. Als ich sie am nächsten Tag anrief und meinte, die Sehstörungen seien weg, dafür hätte ich nun Kopfschmerzen, schlussfolgerte auch sie: "Klingt nach einer Migräne". Bei einem anschließenden MRT fand man jedenfalls Gott sei Dank keinen Tumor o.ä.

 

Eine offizielle Diagnose hormonbedingter Migräne von einem Neurologen habe ich bis heute nicht. Da arbeite ich eher auf Basis von mit Erstaunen ausgesprochenen Vermutungen fachfremder Ärzte. Ich für mich weiß es aber, da die Attacken - mit oder ohne Kopfschmerzen - entweder zur Zyklusmitte oder kurz vor der Menstruation auftreten. Also las ich mich rein ins Thema und fand einen sehr lesenswerten Artikel, in dem u.a. zu lesen ist:


Ursächlich scheint der natürliche prämenstruelle Abfall der Serum-Östrogen- und Serum-Gestagen-Spiegel als Trigger zu fungieren. (2.)

 

Als geübte Endometriosepatientin ließ mich dabei natürlich eine Frage nicht los:

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Endometriose und Migräne?

Bereits 2004 fand man in einer Studie heraus, dass Frauen mit Endometriose ein doppelt so hohes Risiko für Migräne aufweisen wie Frauen ohne Endo. (1.) Man vermutet, dass ein genetischer Faktor Schuld sein könnte, der für die Regulierung von Stickstoffoxid zuständig ist. Dieses wirkt so auf die Blutgefäße, dass es zu Entzündungen kommt und diese sich weiten. Stickstoffoxid wird auch in endometriotischen Läsionen produziert.

 

2018 wurde eine Studie veröffentlicht zum Thema Migräne und Endometriose bei Jugendlichen. Man stellte fest:

  • Fast 70 % der jugendlichen Patientinnen mit Endometriose litten auch an Migräne
  • 30,7 % der Probandinnen ohne Endometriose litten unter Migräne
  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Schmerzintensität der Migräne und der Wahrscheinlichkeit für Endometriose

Folgende Empfehlung der Wissenschaftler lässt mich schmunzeln:

 

Endometriose-Patientinnen sollten auf Anzeichen für Migräne und Migräne-Patientinnen auf Anzeichen für Endometriose untersucht werden, um Begleiterkrankungen früher zu erkennen und gegebenenfalls zu behandeln.

 

Ja, genau - das möchte ich sehen. Sprecht das mal bei Euren Ärzten an. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der nächsten Patientin gesagt wird:

 

"Sie lesen zu viel" ...


Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt!

 

Verwendete Quellen:
1. Deutsche Apotheker-Zeitung: Endometriose und Migräne hängen zusammen. www.deutsche-apotheker-zeitung.de. 07.11.2004. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2004/daz-46-2004/uid-12927 (zuletzt aufgerufen: 17. August 2019).
2. https://www.dr-nabielek.de/gynaekologie/gutartige-erkrankungen/migraene (zuletzt aufgerufen: 17. August 2019).

3.Deutsches Gesundheitsportal: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migräne und Endometriose bei Jugendlichen? 18.06.2018 https://www.deutschesgesundheitsportal.de/2018/06/18/gibt-es-einen-zusammenhang-zwischen-migraene-und-endometriose-bei-jugendlichen-2/ (zuletzt aufgerufen: 17. August 2019).

 

Titelbild erstellt mit Canva